Gedenkstättenfahrt nach Brandenburg an der Havel
Der industrialisierte rassistische Massenmord der Nationalsozialisten begann mit den Schwächsten in der Gesellschaft: Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ wurden systematisch zehntausende behinderte sowie seelisch und psychisch kranke Menschen in Tötungsanstalten ermordet. Kranke und Behinderte wurden in der NS-Ideologie als „unwertes Leben“ angesehen und zu einer Gefahr für den „deutschen Volkskörper“ stilisiert, deren Erbanlagen „ausgemerzt werden müssten“.
Zwangssterilisierungen wurden daher in großem Umfang durchgeführt und ab 1939 unter dem verharmlosenden Begriff „Euthanasie“ (wörtlich: „Schöner Tod„) erstmals massenhaft Morde in Gaskammern erprobt und praktiziert – ein Wissen, das später in den NS-Vernichtungslagern im Holocaust aufgegriffen und vielfach vom gleichen Personal fortentwickelt werden sollte.
Organisiert wurde der Massenmord an psychisch kranken Menschen (und manchmal auch an für krank erklärten Menschen) von einer zentralen Planungs- und Verwaltungsstelle in Berlin, Tiergartenstr. 4, deren Adresse in der Tarnform „T4“ der Mordaktion den Namen gab. Die Villa hatte zuvor der Familie von Georg Liebermann, einem Bruder des Malers Max Liebermann, gehört. Heute befindet sich auf dem Gelände die Berliner Philharmonie, und seit 2014 erinnert ein Gedenk- und Informationsort vor der Philharmonie an die „Euthanasie“-Morde.
Ausgeführt wurden diese Morde in sechs eigens dafür über das damalige Deutsch Reich verteilten Tötungsanstalten. Der bekannteste dieser Orte liegt im hessischen Hadamar, doch auch im Raum Berlin gab es eine solche Anstalt in Brandenburg a.d. Havel, wo die ersten Morde mit Gas überhaupt erprobt wurden. Über 9000 Menschen fanden dort den Tod. Heute befindet sich hier die Gedenkstätte für die Opfer der „Euthanasie“-Morde, die unser Verein im am 18. April 2026 besuchte.
Am Nicolaiplatz zentral in der Innenstadt von Brandenburg gelegen, fand die Mordstätte 1939/40 Platz in einer leerstehenden Haftanstalt. Eine zur Anstalt gehörende Scheune wurde zur Gaskammer mit vorgelagerten Entkleidungsräumen umgebaut. Von diesen Bauten stehen heute nur noch die Grundmauern, doch Informationsstelen auf dem Gelände ermöglichen die Orientierung, und Stefan Jürgens, pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte, schilderte uns den Ablauf der Mordaktion.
Speziell für die „Aktion T4“ eingesetzte Ärzte im fernen Berlin hatten die Opfer nach bloßer „Aktenlage“ ausgewählt, die sodann in eigens hierfür umgebauten, ehemaligen Postbussen nach Brandenburg gefahren wurden, sich sofort nach ihrer Ankunft entkleiden mussten, um noch einmal von einem Arzt vor Ort in Augenschein genommen zu werden. Dies diente vor allem dem Erfinden fingierter Todesursachen, die anschließend in die Sterbeurkunde geschrieben und den Angehörigen in einem sog. „Trostbrief“ mitgeteilt wurden. Nur in Einzelfällen kam es vor, dass der Arzt vor Ort von einer Tötung absah, was immerhin auch in seiner Macht lag.
Die zentrale Lage der Tötungsanstalt im Stadtzentrum, umgeben von Wohnbauten, führte allerdings dazu, dass der Rauch aus den Krematorien und andere Begleitumstände der Mordaktionen nicht unbeobachtet blieben und deshalb schon im Herbst 1940 nach Bernburg verlegt wurden. Für die Medizin besonders beschämend ist die Tatsache, dass die letzten in der Brandenburger Gaskammer getöteten Opfer Jugendliche waren, die wohl vor allem deswegen sterben mussten, um nach ihrem Tod die Gehirne zu untersuchen – die Ergebnisse dieser Untersuchungen fanden auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch Verwendung!
Die in einer ehemaligen Lagerkantine für die Beschäftigten der Tötungsanstalt eingerichtete Dauerausstellung dokumentiert die Hintergründe des „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten. Pseudowissenschaftliche Schriften der sog. „Eugenik“ werden gezeigt, die bereits im frühen 20. Jahrhundert die theoretischen Grundlagen für das Mordprogramm lieferten, das Adolf Hitler schließlich mit seinem auf den Tag des Kriegsbeginns 1. September 1939 datierten „Gnadentod-Erlass“ in Gang setzte – tatsächlich gibt es hierzu, anders als beim Holocaust, ein Dokument mit Hitlers persönlichem Briefkopf, das in der Ausstellung zu sehen ist. Gezeigt werden aber auch die Lebensläufe von Opfern und von Tätern sowie Beispiele des Widerstands gegen die Mordaktionen, die schließlich zur Beendigung der „Aktion T4“ im Sommer 1941 führte. Insbesondere Proteste aus dem kirchlichen Bereich, wie der des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen oder des Pastors Paul Braune von den Lobetaler Anstalten waren hierfür ursächlich, doch auch andere Fälle des Widerstands sind dokumentiert. Der mutige Brandenburger Jurist Lothar Kreyssig etwa erstattete Anzeige wegen Mordes gegen den für die „Aktion T4“ verantwortlichen Philipp Bouhler, da Mord auch in Nazi-Deutschland ein Straftatbestand blieb, und wurde daraufhin zwangsweise in den Ruhestand versetzt, doch ansonsten nicht weiter belangt.

Stefan Jürgens (2. v. l.) erläuterte uns den Ablauf der Patientenmorde am Ort der früheren Gaskammer, von der nur Grundmauern erhalten sind. Foto: Frank Jahnke
Weitere Informationen unter: https://www.brandenburg-euthanasie-sbg.de/
Literatur: Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes, Metropol-Verlag Berlin 2014, erhältlich über die Landeszentrale für politische Bildung Berlin (Schutzgebühr 3,- €)
