Das Projekt „Musikalische Stolpersteine “ mit dem Roten Tuch ausgezeichnet
Seit den 90er Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig bundesweit „Stolpersteine“ vor Häusern, in denen Menschen zuletzt gelebt hatten, bevor sie vom NS-Regime ermordet wurden. Indem Gunter Deming die Namen der Opfer mit ihren Lebensdaten und dem Ort ihrer Ermordung auf quadratischen Messingplättchen in das Straßenpflaster einfügt, entreißt er sie der Anonymität einer unvorstellbar großen Opferzahl und holt die Erinnerung an die überwiegend jüdischen Menschen zurück zu den Orten ihres Lebens. Auf diese Weise ist in Deutschland und mittlerweile auch in mehr als 30 weiteren Ländern Europas ein großes dezentrales Denkmal entstanden, das die Opfer des NS-Terrors ehrt und deutlich macht, dass sie nicht irgendwo herkamen, sondern mitten aus der Nachbarschaft gerissen wurden und ihre Deportation in aller Öffentlichkeit stattfand. Gunter Demnig wurde bereits 2005 für sein künstlerisches Werk mit dem Roten Tuch ausgezeichnet.
In Kooperation mit der Plattform „berlinhistoryApp“, die bereits Projekte mit Berliner Schulen zu Gunter Demnigs Stolpersteinen durchgeführt hat, entwickelte der Landesmusikrat Berlin das Projekt „Musikalische Stolpersteine“, um Komponistinnen und Komponisten dem Vergessen zu entreißen, die in der NS-Zeit verfolgt und deren Werke verboten wurden. Nicht alle von ihnen wurden Opfer des Holocaust wie etwa der Komponist und Dirigent Victor Ullmann, der 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert worden war, dort sogar einen wichtigen Teil seiner Werke schuf, ehe er 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Viele konnten Nazideutschland glücklicherweise noch rechtzeitig verlassen und arbeiteten im Exil weiter. Vielfach gingen aber aufgrund der Verfolgung Kompositionen verloren, und das Verbot führte dazu, dass die Namen der Künstlerinnen und Künstler sowie ihre Musik heute weitgehend vergessen sind – oder, wie beispielsweise bei Werner Richard Heymann, einzelne Stücke zwar populär blieben, aber der Name des Komponisten kaum bekannt ist.
Das Projekt „Musikalische Stolpersteine“ möchte dem Vergessen entgegenwirken und richtet sich hierzu an Schulen. Die Schülerinnen und Schüler rekonstruieren bei dem Projekt Lebensgeschichten verfolgter Musikerinnen und Musiker, lernen ihre Musik kennen und z.T. auch spielen. Kooperationspartner ist der gemeinnützige Verein „musica reanimata“, der schon seit 1990 daran arbeitet, die Musik Verfolgter der NS-Zeit wieder in das Musikleben zu integrieren. Mit Unterstützung der „berlinhistoryApp“ und des RBB-Hörfunks werden die von den Schülerinnen und Schülern gewonnenen Erkenntnisse in Medienformate gebracht und verbreitet. Die Auswahl der Schulen erfolgt unter Berücksichtigung der Empfehlungen der Senatsbildungsverwaltung, und jeden Monat entsteht so an einer der teilnehmenden Schulen ein Podcast über einen verfolgten Musiker bzw. eine Musikerin.

Die Verleihung des Roten Tuchs 2025 fand am 6. November im Simon-Bolivár-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen eines Konzertabends statt, der den Auftakt einer Konferenz des Landesmusikrats zu den Musikalischen Stolpersteinen bildete. Nach der Begrüßung durch die Präsidentin des Landesmusikrats, Hella Dunger-Löper, und einem Grußwort von Kulturstaatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski erhielten Schülerinnen und Schüler des Paulsen-Gymnasiums das Wort, die sich mit der Komponistin Ruth Schöntal beschäftigt hatten, deren Musik auch erklang. In sehr jungen Jahren hatte Ruth Schönthal schon am Stern´schen Konservatorium in Berlin studiert, ehe sie, als Jüdin der Hochschule verwiesen, Deutschland verließ und später in den USA selbst eine renommierte Hochschullehrerin, Komponistin und Pianistin wurde.
Anschließend erfolgte die Verleihung des mit 2.500 € dotierten Preises „Das Rote Tuch“ der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf durch deren Kreisvorsitzenden Dr. Kian Niroomand und die Jury-Vorsitzende, Dr. Franziska Prütz. In Ihrer Begründung der Juryentscheidung hob Franziska Prütz hervor, dass die „Musikalischen Stolpersteine“ durch die Beschäftigung mit den Lebensgeschichten verfolgter Musikerinnen und Musiker nicht nur geschichtliche Zusammenhänge über Gefahren des Rechtsextremismus vermitteln, sondern den Schülerinnen und Schülern zugleich den Zugang zur Musik der Verfolgten und zur medialen Umsetzung ihrer Erkenntnisse ermöglichen, womit genau das Ziel des Jugendmedienpreises „Das Rote Tuch“ erreicht werde. Erinnerungskultur auf eine solche Weise erfahrbar und vor allem, sie als Musik hörbar zu machen, sei das Verdienst der „Musikalischen Stolperstein““, wie Franziska Prütz betonte.
Danach spielten Schülerinnen und Schüler der Sophie-Scholl-Schule Kurzstücke der Komponistin Ursula Mamlok in eigener Bearbeitung. Die Künstlerin war in Berlin geboren, verbrachte den größten Teil ihres Lebens in der USA, doch kehrte mit über 80 Jahren nach Berlin zurück und liegt nun auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Zum Abschluss erklangen Kompositionen des einst berühmten, heute weitgehend vergessenen Geigers und Komponisten Fritz Kreisler, der in Wien geboren wurde, später lange Zeit in Berlin lebte, bevor er Nazideutschland verließ, zunächst in Richtung Frankreich und schließlich in die USA, wo er 1962 verstarb.
